Instagram und konstruktiver Journalismus
Credits: Naima Gaetani

Instagram und konstruktiver Journalismus

Es ist ein ganz normaler Montagabend. Ich sitze in der Küche meiner WG in Bozen und scrolle durch Instagram während ich darauf warte, dass meine Pasta al dente ist. Ich öffne die Story eines Bekannten aus Wien. Plötzlich fängt mein Herz an wie wild zu schlagen und Nervosität überkommt mich. Ich klicke mich weiter durch den Story Feed und befinde mich plötzlich in einer enormen Stresssituation. Auslöser dafür war der Terroranschlag in Wien, der mich als Österreicherin zutiefst schockiert hat. Schon unmittelbar nach dem Attentat war mein Feed überflutet mit Nachrichten, Bildern und Videos über den Anschlag. Ich musste mein Instagram nach einigen Minuten schließen da die Nachrichten Panik und Angst in mir auslösten. Am darauffolgenden Morgen war es noch schlimmer. Instagram war voll mit Bildern, auf denen Blutlachen am Tatort zu sehen waren und sogar ein Video des Terroristen, der auf Passanten schoss, kursierte. An dem Tag habe ich Instagram von meinem Handy gelöscht.

Instagram wurde in den letzten Jahren vermehrt zu einer Nachrichtenplattform. Aus dem Reuters Institute Digital News Report geht hervor, dass junge Menschen vor allem über Instagram Nachrichten zum Weltgeschehen konsumieren. Doch dieser Nachrichten Konsum geschieht meistens unwillkürlich und passiv. Nachrichten werden auf Instagram ganz nebenbei konsumiert, denn die meisten User nutzen Instagram nicht bewusst als Nachrichtenquelle. Hauptsächlich wird Instagram benutzt, um Fotos von Freunden und Bekannten anzuschauen, oder um den Content zu verfolgen, welchen diverse Influencer posten. Das bedeutet, dass wir ständig, auch wenn wir uns gerade keine Nachrichten anschauen wollen, passiv mit Nachrichten über das Weltgeschehen überhäuft werden. Wir sind somit täglich ungefiltertem Content ausgesetzt der sehr oft, auch im Unterbewussten, Angst, Unsicherheit und ein Gefühl von Hilflosigkeit in uns auslöst. Diese konstante Überflutung mit schlechten Nachrichten, sowie traumatisierenden Bildern oder Videos, geht nicht spurlos an uns vorbei, sondern löst bestimmte Reaktionen in unserem Gehirn aus.

In einer Studie über den Anschlag auf den Boston Marathon 2013, analysierten Wissenschaftler die psychischen Auswirkungen auf Menschen, die den Anschlag direkt erlebt haben im Vergleich zu den Auswirkungen auf Menschen, die ihn über Medien wahrgenommen haben. In dieser Studie stellte sich überraschenderweise heraus, dass die Menschen, die den Anschlag nur über Medien mitbekommen haben, gestresster waren als die Menschen, die ihn live erlebt haben. 

Mit diesem Thema hat sich auch die Neurowissenschaftlerin Maren Urner auseinandergesetzt. In Ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ erklärt sie was in unserem Gehirn vorgeht, wenn wir schlechte Nachrichten lesen, und zeigt was Leser und auch Journalisten aktiv gegen diese Überflutung mit schlechten Nachrichten tun können. 

„Wenn wir Wörter wie Krieg, Terror oder Krebs lesen und hören, reagiert unser Gehirn darauf intensiver, als wenn wir positive Wörter hören. Diese negativen Dinge lösen Alarmsignale in unserem Gehirn und am ganzen Körper aus. Wir kommen in einen Zustand, in dem wir entscheiden: kämpfen oder wegrennen.“ 

Wenn wir eine schlechte Nachricht lesen, wie zum Beispiel einen Bericht über einen Terroranschlag, werden im Gehirn automatisch Stresshormone freigesetzt, um den Körper auf eine Flucht- oder Kampfsituation vorzubereiten. Das menschliche Gehirn kann nämlich nicht zwischen einem Artikel, der negative Gefühle in uns auslöst, und einer realen bedrohlichen Situation unterscheiden. Das heißt, unser Körper schüttet Stresshormone aus ohne, dass wir diese wirklich benötigen. Diese Hormone werden nicht abgebaut, da wir uns ja nicht wirklich in einer bedrohlichen Situation befinden. Das kann auf Dauer zu chronischem Stress, Konzentrationsschwäche und Depressionen führen.

Viele Menschen haben sich durch die Überflutung von schlechten Nachrichten den klassischen Nachrichtenmedien wie zum Beispiel der Zeitungen oder dem Fernsehen abgewendet, da der Nachrichtenkonsum negative Gefühle bei ihnen auslöst. Viele sind der Meinung sie können nichts gegen das Unrecht auf dieser Welt tun und bevorzugen deshalb uninformiert zu bleiben. Ihnen ist jedoch nicht bewusst, dass sie auch durch Instagram täglich Nachrichten konsumieren, denn jeder Instagram User kann Nachrichten verbreiten oder teilen. Die Problematik hierbei ist, dass dieser Content ungefiltert ist und oft nichts mit Journalismus zu tun hat. Bedeutet das, die Medien haben versagt? 

Die Medien haben nicht versagt, jedoch ist unser Gehirn nicht dafür gemacht täglich so viele negative Informationen aufzunehmen. Konstruktiver Journalismus ist Teil der Lösung dieses Problems. Dabei geht es darum, nicht nur das Problem zu beleuchten, sondern auch Vorschläge für Alternativen und Lösungen zu liefern. Somit entsteht ein vollständigeres Weltbild, denn es wird nicht nur beleuchtet was schiefläuft, sondern es werden auch Lösungs- und Denkansätze aufgezeigt. Es geht nicht darum, eine allgemein gültige und richtige Lösung für Probleme zu liefern, sondern darum, die richtigen Fragen zu stellen und den Lesern neue Perspektiven vorzuschlagen. Journalisten sind also gefordert, neue Denkansätze zu liefern und die richtigen Fragen zu stellen während die Leser gefordert sind, bewusster mit Medien umzugehen. So können wir gemeinsam die Welt der Medien wieder ins Positivere lenken und Plattformen wie Instagram gezielt nutzen, um konstruktiven Journalismus und neue Denkansätze zu verbreiten, nicht um Angst und Hilflosigkeit auszulösen.

-Jana Brandtner

QUELLEN:

Holmana, E., Garfinb, D., & Cohen Silver, R. (14. November 2013). PNAS.

http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1316265110 abgerufen am 19. November 2020

Newman, N., Fletcher, R., Schulz, A., Andi, S., & Kleis Nielsen, R. (2020). Reuters Institute.

https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/202006/DNR_2020_FINAL.pdf abgerufen am 21. November 2020

Urner, M. (2019). Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Perspective Daily. Abgerufen am 21. November 2020