Backwards Charm – eine Mischung aus Indie, Dreampop und Shoegaze
Credits: Backwards Charm

Backwards Charm – eine Mischung aus Indie, Dreampop und Shoegaze

Die Musik von Backwards Charm ist nicht nur atmosphärisch und gefühlvoll, sondern regt auch zum Nachdenken an und lässt Raum für eigene Emotionen. Das Album Nevergreen ist eine klangvolle Mischung aus Emotion und Sound und hat definitiv das Potential, eines deiner neuen Lieblingsalben zu werden. Im Interview erzählen Daniel Lang (Vocals und Gitarre), Thomas Bauer (Drums) und Martin Teutsch (Bass) von ihrem Songwriting Prozess, über abgesagte Pläne, die kapitalistische Handhabung der Musikindustrie, über Probleme, für die es keine Lösungen gibt und natürlich, worüber es in ihrem neuen Album Nevergreen geht. 

Wie würdet ihr euch selber als Band und eure Musik beschreiben?

Es ist immer schwierig sich selber zu beschreiben, aber zusammenfassend würden wir sagen, unser Genre ist eine Mischung aus Indie, Dreampop und Shoegaze. 

Welche Künstler und Bands inspirieren euch?

Is the Is Are von DIIV ist wahrscheinlich das Album, welches wir bei jeglichen Autofahrten mindestens einmal gehört haben. Ansonsten:  Anna’s Anchor, The Cure, Soft Kill, Beach Fossils, Walter Etc., Knifelong, Blonde Redhead und Bowery Electric. 

Wie entstehen eure Songs? 

Grundsätzlich fangen wir immer mit einer Gitarrenmelodie an, denn so kann man einfach coole Textzeilen und simple Melodien draufpacken und es lässt sich step by step durch gemeinsames Ausprobieren in einen Song umwandeln. Bei den meisten Songs funktioniert diese Methode gut, bei manchen dauert der Prozess etwas länger und sie werden dann im Studio fertiggestellt. 

Ihr wohnt nicht alle in derselben Stadt. Welche Hindernisse stellt das für euch dar?

Grundsätzlich kann man sagen, dass es Fluch und Segen zugleich ist. Natürlich sind wir so weniger flexibel und spontan was das Proben angeht, da es viel mehr Planung bedarf. Auf der anderen Seite ist es ein massiver Vorteil, denn so kommt es nie zu einer Routine. Wenn wir uns zum Proben treffen, dann sind wir in der Regel auch produktiv, weil wir nicht die Möglichkeit haben unsere Treffen zu verschieben. Außerdem verbringen wir dadurch, dass es so geblockt ist, mehr Zeit am Stück mit Proben, was wir als Vorteil sehen. Was wir natürlich auch gut finden ist, dass wir alle quasi ein zweites Zuhause haben, wo wir hinfahren können, wenn uns die Decke auf den Kopf fällt. 

Wie kommuniziert ihr miteinander, um eure Ideen auszutauschen? 

Hauptsächlich tauschen wir bei den Proben unsere Ideen aus. Der frühere Gitarrist unserer Band hat teilweise auch Aufnahmen von Riffs geschickt und darauf haben wir versucht Melodien und Texte aufzubauen. Aber grundsätzlich passiert das Meiste im Proberaum, auch weil es schwierig ist, sich im eigenen Wohnzimmer, vor allem mit Drums, so richtig auszuleben, ohne dass sich die Nachbarn wegen Lärmbelästigung beschweren. 

Wie hat euch die Pandemie beeinflusst? Was waren eure Pläne vor Corona?

Im Oktober 2019 haben wir angefangen unseren Album Release 2020 für Nevergreen zu planen. Wir hatten einige Shows geplant, auch gemeinsam mit einer anderen Band. Es war sehr enttäuschend und ärgerlich als wir im April realisiert haben, dass unsere Pläne ins Wasser fallen, obwohl es natürlich auch total verständlich war, denn man kann ja nichts an der Situation ändern. 

Habt ihr vor, die geplanten Shows nachzuholen? 

Das würden wir natürlich gerne machen, aber selbst, wenn wir ein konkretes Datum hätten, ab dem sich die Situation wieder beruhigt hat, wäre es nicht einfach. Es wird dann ein Überangebot von live Musik geben, und es wird sich das Problem zeigen, dass viele Venues entweder schon ausgebucht sind oder aufgrund der Pandemie nicht mehr existieren. Das schon bestehende Ungleichgewicht in der Musikbranche wird sich dadurch nur noch weiter verschieben. Die großen Venues werden überleben und nur den größeren Acts eine Bühne geben. Unsere Angst ist, dass alles was ein bisschen kleiner ist und unter den DIY-Ethos reinfällt, auf der Strecke bleiben wird. Das wird für Bands wie uns eine große Herausforderung werden.  

Wie lange gibt es euch als Band schon und wo seht ihr euch in 10 Jahren? Was sind eure Träume/Ziele? 

Vor einem Jahr hätten wir wahrscheinlich gesagt, dass es cool wäre, wenn ein bisschen mehr Geld hängen bleibt und wir in größeren Venues spielen könnten. Mittlerweile ist es unser Traum, dass es uns in ein paar Jahren als Band noch gibt, im Idealfall in einer besseren Form als jetzt. Uns ist wichtig, dass wir weiterhin Musik produzieren und wir bald wieder unterwegs sein können, denn das ist auch einer der Gründe, warum wir das so gerne machen. Sich einfach ins Auto setzen und für ein Konzertwochenende oder eine Tour alles andere vergessen. 

Was sollte sich in der Musikindustrie eurer Meinung nach ändern? 

In Großbuchstaben, die kapitalistische Handhabung der Musikindustrie. Bands wie wir fangen aus Leidenschaft an Musik zu machen und nicht des Geldes wegen. Leider zieht sich dieser Gedanke heutzutage nicht mehr durch, denn die Musikindustrie ist extrem Hype-gesteuert. Jedes Jahr kommt ein neues Genre raus, welches so lange gehyped wird, bis das nächste rauskommt. Es gibt kaum mehr große Bands, so wie sie es früher gab, die kontinuierlich, über Jahre hinweg, gute Musik produzieren. Menschen wie der Spotify CEO Daniel Ek verdienen Millionen mit dieser Hype-gesteuerten Industrie und werden somit vielleicht bald größere Labels ablösen, weil sie sich Acts kaufen können. Oder, noch schlimmer, sie brauchen bald gar keine Acts mehr, weil die von einem Algorithmus kreierte Chill-Out/Relax/Ambient Background Musik sowieso am Meisten Klicks bei Spotify hat. Ein wichtiges Stichwort diesbezüglich ist Counter Culture und wie wenig das wertgeschätzt wird in unserer westlichen Kultur. Das geht soweit, dass die Meisten nicht einmal wissen, dass es so etwas überhaupt gibt, und das ist sehr problematisch. 

Um was geht es in eurem neuen Album Nevergreen? Wie würdet ihr das Album inhaltlich beschreiben? 

In dem Album zeigen wir mit dem Finger auf Geschehnisse in unserer Welt, die nicht okay sind oder die sich komisch anfühlen. Dinge, für die man aber auch keine Lösung hat und auch nicht versucht, eine zu finden. Man ist also in einem sozusagen apathischen Zustand und fühlt sich ständig wie ein kleines zerbrechliches Wesen, auf dem jeder herumtrampelt. Dieser Zustand wird nicht besser, er wird eher schlechter, und wenn andere behaupten es sei alles gut, dann hilft einem das sehr wenig. Auch das Fehlen von Einklang zwischen Menschen und Erde ist ein großes Problem, welches sich in den Lyrics des Albums widerspiegelt. Wichtig ist auch die offensichtliche Farbreferenz im ganzen Album, welche auch im Titel Nevergreen zu finden ist. 

Daniel, verarbeitest du persönliche Erlebnisse und Gefühle mit deinen Texten? Sind es Erzählungen aus dem eigenen Leben, Diskussionen mit der Welt, Appelle an die Gesellschaft oder deine Gedanken, um die es in deinen Texten geht?

Meine Texte spiegeln Persönliches wider, welches aber immer stark im Kontext mit der Umwelt und der Gesellschaft steht. Ich bekomme es immer ganz gut hin, meine Texte durch eine eher vage Wortwahl so zu abstrahieren, dass sehr viel Interpretationsspielraum bleibt. Was sich durch die Texte des Albums Nevergreen durchzieht ist das Gefühl, von allen zertrampelt zu werden und das Gefühl, dass einem keiner mehr zuhört. Das sind sicher auch persönliche Gefühle von mir, obwohl es mehr darum geht, dass jede Person diese Gefühle in irgendeiner Form kennt. 

Was hilft dir, wenn du eine Schreibblockade hast? Hast du gewisse Rituale oder Orte, die dich inspirieren? 

Ich habe schon vieles ausprobiert, da es mich extrem ärgert, wenn ich produktiv sein will und nichts dabei rauskommt. Aber am Ende kann man probieren was man will, es darf nicht erzwungen sein, denn man will ja auch seine Authentizität bewahren.